ÜberblickEine ausführliche
Recherche existierender Arbeiten zu Stadtplänen für blinde Menschen ergab keine
mit AmauroMap vergleichbaren Ansätze. Bestehende Projekte lassen sich klassifizieren
nach:
- Ziel: Navigation von A nach B ODER Beschreibung der Stadt als Ganzes.
- Technischer Umsetzung: Es gibt eine Vielzahl an Ansätzen, deren
Großteil auf einer manuellen Zuordnung von Attributen zu Kartenobjekten basiert.
- Art der Ausgabe: taktil, akustisch, haptisch, auf Brailleschrift basierende
Ansätze bzw. eine Kombination mehrerer Ausgabearten.
Navigation für blinde Menschen
Im Bereich Blindennavigation,
d. h. Positionsbestimmung und lineare Wegbeschreibung vom Ausgangs- zum
Zielpunkt, wurde bereits einiges an Forschungs- und Entwicklungsarbeit
geleistet. Hierbei ist auf die Aktivitäten von Mayerhofer/Pressl/Wieser (2007) der
Technischen Universität Graz hinzuweisen. Projekte im Bereich Navigation für blinde Menschen sind:
Ways4all: ways4all ist ein Forschungsprojekt
von neun Partnern unter der Leitung des Studiengangs "Energie- Verkehrs-
und Umweltmanagement" der FH-JOANNEUM in Kapfenberg. Gefördert wird
dieses Projekt vom BMVIT in der Programmlinie ways2go mit dem Ziel
"Barrierefreie Mobilität" am neuen Wiener Hauptbahnhof zu demonstrieren. Poptis: Wegbeschreibungen im Wiener U-Bahnnetz; ein Projekt der Wiener Linien.
LoroDux: ist eine auf Open Street Map und Java basierende Navigationssoftware für blinde und sehschwache Personen; gestartet im Mai 2009 von Lulu Ann.
Loadstone: Open Source GPS-Navigation für Blinde am Handy. Nav4blind: Entwicklung, Umsetzung und Verbreitung eines satellitengestützten Navigationssystems für blinde und sehbehinderte Menschen.
Wayfinder Access: GPS-Naviagtion für Blinde am Handy; mit der Übernahme der Firma Wayfinder Systems durch Vodafone ist jedoch ein weiteres Bestehen des Wayfinder Access nicht gesichert.
Kognitive Karten (mental maps)
Der
auf Tolman (1948) zurückzuführende Begriff beschreibt ein subjektives und
individuelles geistiges Abbild der Umwelt bzw. eine interne Repräsentation des realen
Raums. Mit AmauroMap sollen kognitive Karten im Kopf erzeugt werden, die dann
im realen Stadtraum Anwendung finden. Kognitive Karten spielen eine wesentliche
Rolle bei der Orientierung und beim Finden von Wegen (wayfinding): Wo ist was
und wie gelange ich dorthin? Kevin Lynch (1960) definiert fünf Elemente der
städtischen Umwelt zum Erstellen einer kognitiven Karte: Wege (paths), Ränder bzw.
Begrenzungslinien (edges), Knotenpunkte (nodes), abgegrenzte Bereiche, z. B.
Stadtteile (districts), und Geländepunkte, z. B. Baudenkmäler (landmarks).
Taktile Karten
Die ersten Stadtpläne
für blinde Menschen waren taktile Karten, die geographische Informationen
mittels Relief darstellen. Die dreidimensionalen Modelle werden mit der Hand
abgetastet, wodurch räumliche Strukturen sehr gut erkannt werden können. Die
Nachteile liegen jedoch in den hohen Anfertigungskosten und der aufwendigen
manuellen Herstellung, weshalb taktile Karten nur für wenige Flächen zur
Verfügung stehen und Aktualisierungen nicht regelmäßig vorgenommen werden
können. (Schneider und Strothotte 1999)
Digitale Stadtpläne für blinde Menschen
Vor allem Boll/Heuten
(2006/2007) und Schneider/Strothotte (1999) sind im Bereich
digitaler Stadtpläne für blinde Menschen zu nennen; ein Auszug:
- Heuten/Wichmann/Boll
(2006) stellen eine akustische Benutzeroberfläche für die Erkundung von
Stadtplänen vor. Eine virtuelle Erkundung von auditiven Karten zu Hause hilft
dabei, kognitive Karten und räumliche Modelle einer Region zu erzeugen. Jedes
Objekt der Karte ist mit einem spezifischen Geräusch bzw. Klang, aber nicht mit
Text versehen, was eine klare Identifikation der einzelnen Objekte ermöglicht.
- Heuten/Henze/Boll
(2007) entwickeln den soeben beschriebenen Ansatz weiter, indem mehrere nahegelegene
Objekte gleichzeitig mittels Geräuschen und Klängen ausgegeben werden, wodurch räumliche
Verbindungen zwischen den einzelnen Objekten leichter hergestellt werden können.
Gewöhnlich werden geographische Objekte digitaler Stadtpläne aufeinanderfolgend
und nur dann ausgegeben, wenn der Benutzer direkt auf diese zeigt.
- Schneider/Strothotte
(1999) entwickeln ein System zur Erkundung von virtuellen-taktilen Karten. Das
sind digitale Karten, die nicht graphisch, sondern akustisch dargestellt
werden, wenn man sie über mit einer Videokamera aufgenommene
tastbewegungsähnliche Handgesten bedient. Der Einsatz erfolgt unterwegs oder
auch zu Hause mit dem Ziel, ein unbekanntes geographisches Gebiet zur erkunden.
- Campin/McCurdy/Siekierska
(2003) erzeugen interaktive audio-taktile Karten im SVG (scalable vector
graphics) Format. SVG beinhalten „accessibility features“, also Eigenschaften,
wie die Skalierbarkeit von Objekten, die Integration von Sound-Effekten und einer
Sprachbeschreibung, um blinden Benutzern die Zugänglichkeit zu digitalen Karten
zu erleichtern.
Akustische Ausgabe (Bildschirmleseprogramme und Sonifikation)
Akustische Ausgaben lassen
sich unterscheiden in klangliche Ausgabe (Sonifikation, engl.
sonification) und Sprachausgabe (mittels Bildschirmleseprogrammen,
engl. screenreader). Im Vergleich zur sprachlichen Ausgabe können Klänge auch
erkannt werden, wenn sie gemeinsam ertönen. Ihre Abspieldauer ist kurz, sie
sind universell und nicht an eine bestimmte Sprache gebunden. Allerdings können
mit Klängen absolute Werte nur schlecht dargestellt werden; wenn ein Aspekt
eines Klanges verändert wird, ändern sich andere ebenfalls (vgl. Brewster 1994,
39). Zur Sprachausgabe stehen verschiedene kommerzielle Produkte, aber auch Open-Source-Software zur Verfügung.
Literaturverzeichnis
Brewster, S. A. (1994): Providing a Structured Method for
Integrating Non-Speech-Audio into Human-Computer Interfaces. Dissertation. Univ. of York.
Campin,
B.; McCurdy, W.; Siekierska, E. (2003): SVG Maps for People with Visual
Impairment. (online; Dez. 2009)
Heuten, W.; Henze, N.; Boll, S. (2007): Interactive exploration of city maps with
auditory torches. 6 S., San Jose. (online; Okt. 2009)
Heuten, W.; Wichmann D., Boll, S.
(2006): Interactive 3D sonification for the exploration of city maps. Nordic Conference on
human-computer interaction; Vol. 189. S. 155-164. Oslo. (online; Okt. 2009)
Lynch,
Kevin (1960): The image of the city. Cambridge.
Mayerhofer, B.; Pressl, B. (2007): PONTES & ODILIA - Projekte eines Navigationssystems für Blinde
und Sehbehinderte. In: Fachtagung des Deutschen Blinden- und
Sehbehindertenverbandes zum Thema "Chancen und Herausforderungen von
Navigationssystemen für blinde und sehbehinderte Menschen". Berlin.
Schneider, J., Th.
Strothotte (1999): Virtuelle taktile Karten - digitale Stadtpläne für Blinde.
In: U. Arend, E. Eberleh, K. Pitschke. Stuttgart u. Leipzig. ( online; Okt. 2009)
Tolman, E.C. (1948). Cognitive Maps in Rats and Men. In: Psychological Review, 55, 189-208.
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